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Warum muss ich an meinem Geburtstag sterben?

Im Gespräch mit einem ehemaligen SEK-Beamten (zuerst erschienen im Obacht-Magazin)

20 Jahre lang stand Emil Pallay im Dienst des Spezialeinsatzkommandos (SEK) Bayern. Als späterer Einheitsführer trug er die Verantwortung für rund 40 Mann und war an etwa 1000 Einsätzen beteiligt.


Heute lebt der ehemalige SEK-Führer und ausgebildete Präzisionsschütze gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau in einem idyllischen Ort nahe München. Lesungen, Sport und Reisen halten den heutigen Rentner fit. Im Interview mit obacht_ spricht Pallay über den Alltag eines SEK-Beamten, klärt Mythen auf und erzählt, wie es ist, andere Menschen zu töten.


Herr Pallay, wie sind Sie zum SEK gekommen?


Das war Zufall. Schon als Kind wollte ich Polizist werden. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung im gehobenen Dienst begonnen und fortan bei der Bereitschaftspolizei gearbeitet.

Nebenbei habe ich beim SV Funkstreife in München Fußball gespielt. Das ist ein Verein für Polizisten. Der Vorsitzende des Vereins und ich haben uns damals sehr gut verstanden. 1977

fragte er mich, ob ich beim SEK anfangen wolle. Das SEK war damals gerade erst gegründet und noch längst nicht so populär wie heute. Ich war sehr überrascht und gleichzeitig begeistert. Ich ging zum Vorstellungsgespräch und wurde kurz darauf beim Spezialeinsatzkommando genommen.


Was hat Sie an diesem Job fasziniert?


Die Arbeit als SEK-Beamter ist unglaublich vielfältig. Nicht nur die Einsätze, sondern gerade die Aus- und Fortbildungen sind das Interessante an diesem Job. Hier habe ich eine Menge neuer Strategien zur Verbrechensbekämpfung erlernt.


In Filmen und auf Fotos sieht man Spezialeinheiten stets mit Sturmhaube, Schutzkleidung und Maschinengewehr in Häuser eindringen, um die Täter festzunehmen oder gar zu eliminieren. Was ist dran am Mythos der furchtlosen Superhelden?


Im Krimi ist das anders als in der Realität. Als SEK-Beamter verrichtet man seine Arbeit zu 80 oder 90 Prozent in Zivil. Es geht darum, sich dem Verbrecher langsam anzunähern, ohne

dass er etwas davon mitbekommt. Man spioniert ihn quasi erst einmal aus. Da wäre es unklug, sofort seine Wohnung zu stürmen. Erst wenn beispielsweise bei einer Geiselnahme eine aku-

te Lebensgefahr für die Geisel besteht, wird ein Notzugriff freigegeben. Die SEK-Beamten stürmen dann in voller Montur das Gebäude, in dem sich der Täter befindet. Bei einigen Einsätzen werden die Beamten sogar mit speziellen Schutzschildern ausgestattet, um vor Gewehrschüssen sicher zu sein. Denn die Kugeln einer Flinte kann selbst eine Schutzweste nicht abhalten.


Pallays Biografie: Zugriff
Pallays Biografie: Zugriff

Was macht ein SEK-Beamter, wenn er nicht im Einsatz ist?


Er besucht Fortbildungen. Dort lernen die Beamten zum Beispiel, wie sie sich beim Vorgehen von Raum zu Raum zu verhalten haben. Außerdem muss man regelmäßig zum Schießtraining und zum Sport. Ich hatte auch Rechtskunde, um zu wissen, wann man seine Waffe gebrauchen darf und wann nicht.


In welchen Situationen muss und darf man denn von Schusswaffen Gebrauch machen?


Nur bei Notwehr. Der Polizeiführer des SEK beurteilt während des Einsatzes die Situation vor Ort und erst wenn es keine Alternative mehr gibt, erteilt er die Erlaubnis für den finalen Rettungsschuss. Dann erst dürfen die SEK-Beamten ihre Waffe benutzen.




Wie sicher ist ein SEK-Beamter im Einsatz?


Ein erhöhtes Risiko besteht immer. Das Spezialeinsatzkommando hat jedoch gegenüber den Tätern einen entscheidenden Vorteil: Die Beamten wissen, was auf sie zukommt. Sie haben

vorab eine ausführliche Berichterstattung über die Situation am Tatort bekommen und können sich somit optimal auf ihren Einsatz vorbereiten. Sie agieren, die Verbrecher hingegen müssen reagieren. In meiner Zeit beim SEK gab es nicht einen einzigen Toten auf Seiten meiner Mannschaft.


Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, mit deren Ausgang auch das SEK nicht rechnet. Gleich zu Beginn ihrer Karriere mussten Sie um ihr Leben fürchten, als ein psychisch Kranker versuchte, Sie mit einem Beil zu erschlagen. Wie haben Sie auf diese Situation reagiert?


Das war ein sehr unglücklicher Fall. Der Täter hatte einen Gerichtsvollzieher mit einer Axt bedroht. Anschließend schloss er sich mit der Axt in seinem Haus ein. Wir sind in das Gebäude eingedrungen, in dem sich auch seine Mutter noch befand. Der Täter litt unter einer psychischen Störung und hatte bereits zuvor versucht, sich das Leben zu nehmen. Als ich mit meinem SEK-Team in das Haus eindrang, stand er plötzlich vor mir und holte mit seiner Langaxt zum Schlag aus. Mein erster Gedanke war: Warum muss ich an meinem Geburtstag sterben? In Sekundenbruchteilen musste ich reagieren. Ich schoss ihm in den Oberschenkel. Die Kugel in seinem Bein machte ihm jedoch nichts aus, denn er war fast zwei Meter groß und wog etwa 150 Kilogramm. Er rannte weiter auf mich zu. Danach feuerte ich noch drei weitere Schüsse auf ihn, ehe er zu Boden fiel.


Auch außerhalb des Arbeitsumfeldes hatte ich mit meiner bereits verstorbenen Ehefrau eine wichtige Bezugsperson, um solche Erlebnisse aufzuarbeiten. Sie war über all die Jahre mein Anker.

An solch einem Fall hat man wohl noch lange zu knabbern. Können Sie ruhig schlafen oder geistern Ihnen Schreckensmomente wie diese noch heute durch den Kopf?


Heute kann ich beruhigt schlafen. Direkt nach dem Einsatz habe ich mir natürlich Vorwürfe gemacht, da mein Team und ich eigentlich mit dem Ziel in das Haus gingen, den Täter vor

sich selbst zu bewahren. Das hat mich schon schwer beschäftigt, aber ich habe meine Gedanken daran schnell abstellen können. Es ist wichtig, solche Einsätze ins Positive zu drehen, um nicht selbst psychisch krank zu werden. Meine Kollegen haben mir gesagt, es sei unumgänglich gewesen, den Täter zu eliminieren, um mich selbst zu retten und gegebenenfalls andere unschuldige Leben zu retten. Auch außerhalb des Arbeitsumfeldes hatte ich mit meiner bereits verstorbenen Ehefrau eine wichtige Bezugsperson, um solche Erlebnisse aufzuarbeiten. Sie war über all die Jahre mein Anker.


Wussten ihre Freunde von ihrem Job als SEK-Beamter oder hielten Sie ihre berufliche Identität geheim?


Sowohl meine Familie, als auch meine Freunde wussten von meinem Beruf. Die Einsätze konnte ich schließlich nicht verheimlichen. Meinen beiden Kindern habe ich jedoch keine Details zu den einzelnen Fällen verraten. Meine Frau und ich haben sie aus dieser Sache herausgehalten. Sie haben sich auch nie dafür interessiert. Den Job des SEK-Beamten braucht man per se dennoch nicht zu verheimlichen. Allerdings sollte man auch keine Reklame damit betreiben. In der Öffentlichkeit war ich zum Beispiel anonymisiert. Man konnte mich also nicht über das Autokennzeichen oder das Meldeamt identifizieren.


Herr Pallay, ich bedanke mich für dieses Gespräch.


Text: Robert Rienass

Bilder: LKA Niedersachsen und Buchtitel Zugriff: Aus dem Leben eines SEK-Mannes

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